#ausnahmslos! – immer und überall!

Nach den gewalttätigen, sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht stellte sich ja ganz schnell eine allgemeine, öffentliche Verortung von Frauenverachtung, Sexismus und sexueller Gewalt in den sogenannten „nordafrikanischen“ Ländern und bei den Flüchtlingen islamischen Glaubens ein. Und die Feministen/innen in Deutschland wurden von Vertretern konservativer Parteien und patriarchalischen Denkens aufgerufen, diese Verortung blindlings zu übernehmen und sich dazu öffentlich zu bekennen. Aber in welchem Kulturraum und in welcher Religion sind denn nun Sexismus und sexuelle Gewalt wirklich beheimatet? Zur Beantwortung sind vielleicht einige Rückblicke auf die letzten Jahre in Deutschland hilfreich.

So auf ein Ereignis im letzten Jahr, das leider nur sehr wenig bis gar nicht die Medien und unsere Gesellschaft erregte (www.fraupolitik.de: Die feuchten Träume des CDU-Bürgermeisters von Triberg). Eigentlich war es ja nur ein missglückter „Herrenwitz“ mitten im sogenannten “christlichen“ Kulturraum Deutschland. Da hatte sich der CDU-Bürgermeister einer deutschen Stadt etwas ganz Besonderes für die Bürger seiner Stadt und die männlichen Touristen ausgedacht. Vielleicht dachte er dabei auch an die männlichen Flüchtlinge und Asylsuchenden aus den sogenannten “islamischen“ Kulturkreisen, die in seine Stadt kommen würden und wollte ihnen vor Augen führen, welches Frauenbild man(n) in Deutschland so hat?

Der Bürgermeister lässt also sein eigenes sexistisches Frauenbild – Frauen als verfügbare Sexobjekte – mit öffentlichem Geld an die Wand eines Parkhauses – einen öffentlich bewirtschafteten Raum – malen. Bereits vorher ließ er genau dort mit öffentlichem Geld Männerparkplätze einrichten, mit einer sexistischen, Frauen diskriminierenden Begründung.

Frau Kelle, Herr Spahn und Co schrien nicht auf, so von wegen Diskriminierung von Frauen, unbedingte Geltung des Art.3 des Grundgesetzes und so weiter. Obwohl dieser sexistische Akt eine völlig neue Dimension in unserem “christlichen“ Kulturraum Deutschland aufzeigte: Sexismus und Diskriminierung von Frauen im öffentlichen, städtisch bewirtschafteten Raum, mit staatlichen Geldern finanziert, von einem Amtsträger angeordnet! Der Bürgermeister wurde bisher weder angezeigt und verurteilt, noch seines Amtes enthoben!

Auch als im März 2014 die Untersuchung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zum Thema “Gewalt gegen Frauen in Europa“ aufzeigte, dass jede dritte Frau in Europa seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren hat, blieb in dem sogenannten “christlichen“ Kulturraum der Aufschrei von “christlichen“ konservativen Politikern/innen und all den vielen, derzeitigen, eifrigen Verfechtern/innen der Gleichberechtigung von Frau und Mann und des Grundgesetzes aus. Ob sie wohl eher damit beschäftigt waren, Opfern sexueller Gewalt eine Mitverantwortung für das Geschehene zu zuschieben? Oder gerade mal wieder junge Frauen als verfügbare, willige Objekte zur Stabilisierung ihrer eigenen politischen Macht einsetzten? Oder …?

Ja, und da gab es doch im Herbst 2014 den selbsternannten, sogenannten „Pick-Up-Artist“ Julien Blanc, der den, durch zuviel Feminismus und Gleichberechtigung verstörten deutschen Männern in Seminaren für das US-Unternehmen Real Social Dynamics (RSD) beibringen wollte, wie Mann Frau zum Sex zwingen kann. Eindrucksvoll untermauert durch Videos, in denen er Frauen in Asien mit Gewalt sexuell nötigt. Australien setzte ihn auf die Liste der unerwünschten Personen, Großbritaninien ließ ihn nicht einreisen. Im „christlichen“ Kulturraum Deutschland war die Reaktion der Politik und der vielen, seit Januar 2016 neuen „Gleichberechtigungs-Bekenner/innen“ praktisch gleich Null.

Und dann steht ja noch die Neuregulierung des Sexualstrafrechtes im politischen Raum. Da tut man(n) sich im “christlichen“ Kulturraum Deutschland ja auch sehr schwer. Immerhin gelang es den vorwiegend männlichen Parlamentariern bereits im Jahr 1997 die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, sogar gegen den Widerstand einiger Politiker/innen aus den eigenen Reihen. Seit Herbst 2014 wird jetzt von den immer noch in der Mehrzahl männlichen Parlamentariern die Frage heiß diskutiert, ob und welches Nein denn nun auch wirklich ein Nein ist.

Und was ist eigentlich mit dem alltäglichen Sexismus und der täglichen Diskriminierung von Frauen in Medien, Werbung und öffentlich bewirtschafteten Raum? Die, egal welche Produkte und Themen sie bewerben, diese bevorzugt mit nackten Frauen garnieren. Sexismus, der in Wort und Bild täglich öffentlich in Erinnerung ruft, dass Frauen für Männer vor allem verfügbare Sexobjekte sind, reduziert auf ihr Äußeres, dem männlichen Geschlecht untergeordnet. Damit wir das nur ja nicht vergessen in unserem “christlichen“ Kulturraum und unsere Kleinsten schon so früh wie möglich lernen. Oder, wie ist es zu verstehen, dass Sexismus in Werbung und Medien bis heute allenfalls einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Medien- und Werbebranche unterliegt? Da ist die Presse- und Meinungsfreiheit den Herren (und auch einigen Damen) dann plötzlich doch viel mehr wert, als der Schutz von Frauen vor Sexismus, Diskriminierung und Frauenverachtung und den daraus resultierenden sexuellen Übergriffen.

So also kommen wir voran mit dem Respekt, der Achtung, der Anerkennung der Freiheit und Würde der Frau und der Gleichberechtigung in unserem “christlichen“ Kulturraum? Ach nein, Frauen wurden und werden hier ja nicht diskriminiert? Hier gibt und gab es ja auch vor Silvester 2015 keinen Sexismus und kaum sexuelle Übergriffe? Das führen uns Medien, wie z.B. die BILD und die Werbebranche auch nicht täglich vor Augen und erzählen uns die Politiker? Alles nur Einbildung von wildgewordenen, “lauten“ Feministinnen? Die nicht in der Lage sind, die tatsächliche sexuelle Gewalt gegen Frauen und von wem sie wirklich ausgeht, zu erkennen? Die passiert ja anscheinend auch erst seit Anfang dieses Jahres in Deutschland. Und von Tätern aus ganz anderen “religiösen“ Kulturkreisen?

Gewaltlegitimierend ist der „christliche“ Kulturraum ja auch nicht. Mit Achselzucken gehen wir z.B. an jedem Bundesligaspieltag und bei anderen Fußballspielen über die regelmäßigen Gewaltausbrüche und den Vandalisnmus von sogenannten Fußballfans zur Tagesordnung über. Die gehören einfach dazu, in unserem „christlichen“ Kulturraum, das ist Kulturgut. Glaubt eigentlich jemand in Deutschland ernsthaft, dass sich eine Frau alleine in einen Zug oder UBahn-Wagen betrunkener, randalierender Fußballfans traut? Und hat das alles mit dem ach so “christlichen“ Abendland wirklich nichts zu tun?

Da wären wir dann bei der Religionsfrage. Hat fehlende Gleichberechtigung, Diskriminierung und sexuelle Gewalt gegen Frauen nur mit dem Islam zu tun? Oder nicht doch allgemein mit der, in einem Kulturraum vorherrschenden Religionsgemeinschaft und ihrer Lehre? Wenn wir in Deutschland jetzt öffentlich diskutieren, dass Männer automatisch zu Frauenverächtern und Sexualstraftätern werden, wenn sie in einem, von einer Religionsgemeinschaft dominierten Kulturraum aufwachsen, dann müssen wir uns unbedingt auch bei uns umsehen. Wir müssen uns im, von christlichen Religionsgemeinschaften geprägten Deutschland die Frage stellen lassen, warum bei uns mangelnde Gleichberechtigung, Unterordnung und Verachtung von Frauen, Sexismus und sexuelle Gewalt und Kindesmissbrauch eine so lange Tradition haben und immer noch so weit verbreitet sind.

Nein, Sexismus und sexuelle Gewalt gegen Frauen hat nichts mit dem Glaubenskern der drei monotheistischen Religionen zu tun. Denn der besagt im Judentum, Christentum und Islam den Glauben an den einen Gott, der die Welt und alle Menschen erschaffen hat, auch die Frauen. In diesem Sinne gilt der Art.1 der Menschenrechtscharta: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Es hat viel mehr etwas mit den menschlichen Religionsgemeinschaften und deren jeweiligen Auslegung ihrer religiösen Schriften zu tun. Sie sind in einem historischen Kontext zu einer Zeit entstanden, in dem der Mann der Frau übergeordnet galt und Macht über sie besaß. Schwierig für Frauen wird es bis heute immer dann, wenn einzelne religiöse Gemeinschaften ihre paternalistischen, patriarchalischen Denksysteme und ihre restriktive Sexualmoral als von ihrem jeweiligen Gott gefordert begründen, verabsolutieren und politisch in einer Gesellschaft umsetzen. Denn dann geht es vor allem um Durchsetzung von weltlicher Macht, und das bedeutet männlicher Macht. Dort, wo jüdische, christliche oder islamische Religionsgemeinschaften mit einer paternalistischen, patriarchalischen Denkweise und Auslegung der religiösen Schriften politische Macht in einem Kulturraum innehatten und haben, und dies über einen langen Zeitraum, dort entstand und hält sich eine Kultur der Abwertung, Unterordnung und Missachtung von Frauen, die in sexueller Gewalt münden kann.

Dem jeweiligen Gott sei es gedankt, dass er den Menschen nicht nur erschaffen, sondern auch mit Verstand und Vernunft versehen hat, auch die Männer. Deshalb konnten und können Menschen, egal in welchem Kulturraum sie aufgewachsen sind und leben, egal ob und welcher Religionsgemeinschaft sie sich zugehörig fühlen, sich dieser bedienen. Sie erkannten und erkennen Frauen als das, was sie sind: gleichberechtigte Menschen, gleich an Würde, Rechten und Freiheit!

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