Diskutieren wir die Männerquote!

In der teils sehr hitzig geführten Diskussion um die Frauenquote, die jetzt sogar im Koalitionsvertrag steht, brauchen wir unbedingt einen Perspektivwechsel. Statt andauernd das Pro und Kontra der Frauenquote hin und her zu wenden und die Gefahren für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft herauf zu beschwören, müssen wir dringend die Männerquote diskutieren.

Sie lesen richtig, die real existierende Männerquote. Die längst eingeführt ist in Profit- und Non-Profit-Wirtschaft, Medien, Gesundheitswesen, Gewerkschaften und Politik, ja in der ganzen Gesellschaft. Ohne jede Diskussion. Niemand forderte bisher eine gesetzliche Regelung für die Männerquote, da sie nicht notwendend ist. Denn die Männerquote, die in Deutschland in der Regel zwischen 70 und 100 Prozent liegt, ist quasi ein „Naturgesetz“. Ein Gesetz, das von den vielen Männern, die durch die Männerquote in ihre Führungspositionen gelangt sind, ganz gesetzestreu befolgt wird. Und die Zielvorgabe jeder Quote, ihresgleichen nachzuziehen, wird ebenfalls fast vorbildlich erfüllt.

Das Signal der Koalitionsverhandler, eine Männerquote von 70% in Aufsichtsräten gesetzlich zu verankern, ist ein gutes Signal. Nicht mehr und nicht weniger. Denn seien wir doch mal ehrlich: Bei 70% Männerquote kann man(n) ganz gelassen der Hälfte der Bevölkerung 30% Beteiligung in Aufsichtsräten genehmigen, oder? Es ist doch nett, den Frauen ganz patriarchalisch ein bisschen was zu gönnen. Durch die jetzt neu festgeschriebene Männerquote von 70% haben die Männer doch immer noch das Sagen. Da verstehe noch jemand die Wirtschaftsexperten der CDU, die gerade ganz aufgeregt den Untergang der deutschen Wirtschaft heraufbeschwören. Die Wirtschaft selbst, vor allem die Unternehmen, die international aufgestellt sind, hat längst reagiert. Sie befürchtet anscheinend eher ihren eigenen Untergang, wenn sie nicht endlich auf das Reservoir gut ausgebildeter weiblicher Arbeits- und Führungskräfte zurückgreift. Viel wichtiger für die Zukunft der deutschen Wirtschaft ist es, jetzt sehr schnell wesentlich mehr Frauen in Führungspositionen des operativen Geschäftes zu bringen. Und wesentlich mehr junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern.

Die Frauenquote von 30% in Aufsichtsräten ist ein gutes Signal! Es ist vor allem ein deutliches Signal an die Herren in der Politik! Denn dort liegt das eigentliche Problem. In der Politik herrschen teilweise Männerquoten, von denen die Herren in der Wirtschaft nur träumen können. Beispiel: Kommunalwahl in NRW 2009. Für die CDU kandidieren 47 Männer und eine Frau für das Amt des Oberbürgermeisters oder Landrates. Auch bei den Koalitionsverhandlungen galt eine Männerquote von ca. 70 bis 90%.

Die Quotenrealtität in der Politik sieht heute so aus: Grüne und Linke haben eine Männerquote von 50%, die SPD 60%, auch die CSU 60% (oberhalb von Orts- und Kreisverband). Die CDU belässt es bei einem Männerquorum von 70%, eine Soll-Bestimmung, nach oben offen. Die FDP hat keine Regelung. Bei den Piraten wird über die Männerquote heftig diskutiert.

Und die Quotenrealität auf den unterschiedlichen politischen Ebenen? Die politische Repräsentanz von Frauen im deutschen Bundestag nach der Bundestagswahl 2013: Die Männerquote steht bei 63,7% (402), der Frauenanteil bei 36,3,% (229). Die CDU hat eine Männerquote von 75,3%, die CSU von 75%. Das gibt für die CDU/CSU-Fraktion zusammen eine Männerquote von 75,2%, in der SPD Fraktion steht sie bei 58%. Bei Grünen und Linken sind etwas weniger als 50% der Abgeordneten männlich.

In den deutschen Länderparlamenten schwankt die Männerquote zwischen ca. 65 und 75%, bis auf einige Ausreißer. Frauen sind mit ca. 25% bis 35 % auch in den Länderparlamenten unterrepräsentiert.

Auch auf kommunaler Ebene wird die Politik von einer Männerquote von ca. 68 bis 75% bestimmt. Der Anteil von Frauen in den Kommunalparlamenten hängt von der Größe der Gemeinde ab und bewegt sich zwischen ca. 22% und 35%. Nur in großen Städten mit 500.000 und mehr Einwohnern geht er über die 35%-Hürde. Wenn es um die obersten Führungspositionen geht, herrschen in den Parteien teils Männerquoten von nahezu 100%. Wie bereits erwähnt, kandidierten z.B. für die CDU NRW bei der Kommunalwahl 2009 für das Amt des Oberbürgermeisters und Landrates 47 Männer und eine Frau. Bei der SPD NRW sah es nicht viel besser aus. Heute sind unter den 19 SPD Oberbürgermeistern und Landräten gerade einmal 3 Frauen.

Die politischen Teilhabe von Frauen pendelt sich also auch auf allen politischen Ebenen bei ca 30% ein und verändert sich seit Jahren nicht wirklich. Wo liegen die Gründe? Dazu empfehle ich das Buch „Die Hälfte der Macht im Visier“ der Heinrich Böll Stiftung. Darin wird der Einfluss von Institutionen und Parteien auf die politische Repräsentanz von Frauen untersucht. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss: „…, dass eine wesentliche Ursache für die Unterrepräsentanz von Frauen die Parteiorganisationen sind.“ Es sind die Parteistrukturen, geprägt von einer Männerquote von, im Durchschnitt 70%, welche die politische Unterrepräsentanz von Frauen in Deutschland stabil halten. Dies prangern neuerdings auch die SPD-Frauen in ihrer eigenen Partei an. (FAZ vom 23.11.2013)

Die folgende Beschreibung des Weges der Frauen in den Parteien ist vereinfacht, dennoch bin ich überzeugt, dass sich viele politisch engagierte Frauen darin wiederfinden werden. Für Frauen in Deutschland ist der Weg zu einem politischen Mandat und/oder einer politischen Führungsposition ist immer noch sehr, sehr weit. Sie starten normalerweise mit einem ehrenamtlichen sachorientierten politischen Engagement vor Ort. Anschließend versickern bereits viele von ihnen in den Parteien in ehrenamtlichen Dienstleistungsaufgaben und in arbeitsintensiven, wenig lukrativen Stellvertreterposten. Wagen sie es, für ein Mandat oder eine Führungsaufgabe kandidieren zu wollen, stoßen sie ganz schnell an die „gläsernen“ Decken der Parteien. Das darf Frau nämlich nur von „Herrens Gnaden“.Darf eine Frau kandidieren, hat sie es immer noch nicht geschafft. Unliebsame Frauen dürfen nur bei nicht gewinnbaren Wahlkreisen ihr Glück versuchen, werden dann eben entsprechend weit nach hinten auf die Liste gesetzt. In den Entscheidungsgremien und den Delegiertenversammlungen gilt ja eine hohe Männerquote. Da kann nichts passieren. Und bei den Listenaufstellungen kann man(n) die Quote/bzw. das Quorum für Frauen hervorragend für sich nutzen. Da kandidieren ganz plötzlich ein paar willfährige „nette“, politisch möglichst unerfahrene Frauen. Sie besetzen mit Wohlwollen des männlichen Patriarchats und mit männlicher Delegiertenunterstützung die guten Quoten- bzw. Quorumsplätze für Frauen. Schon ist man(n) die unliebsamen Frauen los. Es sei denn, sie gewinnt ausnahmsweise wider Erwarten den Wahlkreis. Die beschriebenen Mechanismen waren z.B. zuletzt bei der Listenaufstellung der CDU NRW für die Bundestagswahl 2013 sehr gut zu beobachten. Es haben im Normalfall nur die Frauen eine Chance auf politische Mandate und Führungspositionen, die das männerdominierte Parteisystem und das patriarchalisches Denken nicht in Frage stellen. Sie unterstützen anschließend in Position oder Funktion keine andere Frau, eher erlebt frau das Gegenteil. So kann sie die einzige Frau unter den vielen Männern bleiben! Ausserdem hat sie einen Tribut für ihre Position und ihr Mandat zu zahlen.

Im Regelfall spielen in Parteien im Gegensatz zur Wirtschaft mandats- und aufgabenbezogene Kriterien unabhängig vom Geschlecht bei der Personalsuche keine Rolle. Die traditionell patriarchalischen Strukturen und Denksysteme innerhalb der  „Parteien“, vom kleinen Gemeinde- und Ortsverband bis hin zur jeweiligen Gesamtpartei, stabilisieren sich durch die hohen Männerquoten in allen politischen Gremien auf allen politischen Ebenen immer wieder neu. Sie verhindern so eine angemessene politische Teilhabe von Frauen entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung. Sie verhindern eine gerechte Politik, für Frauen und Männer. Sie verhindern aber auch, dass die jeweilig Besten für ein politisches Mandat oder Führungsposition dieses auch ausüben können.

Ein Beispiel: Im einem CDU-Bezirk müssen Frauen her. Der Bezirk hat seit Jahrzehnten keine hauptamtliche Mandatsträgerin vorzuweisen. Also beschlossen die Herren, diesmal soll bei der EU Wahl endlich eine Frau für die CDU kandidieren dürfen. Es gab sogar zwei Kandidatinnen. Eine Kandidatin ist promovierte Betriebswirtin und Volkswirtin, führt einen landwirtschaftlichen Betrieb, Autorin eines Buches über interkulturelles Management, Unternehmensberaterin, spricht mehrere Fremdsprachen, langjährig engagiert in CDU und Frauen Union. Die andere weist keine Qualifikationen für ein EU- Mandat auf. Das Ergebnis: EU-Mandatsbezogene Qualifikationen hatten leider keinerlei Einfluss auf die Entscheidung der Partei.

Deshalb ist das Signal der 30% Quote für Frauen in den Aufsichtsräten gut, aber nur ein erster Versuch der politischen Frauen, sich gegen ihre männlichen Parteigenossen durchzusetzen.

Damit die Männerquoten in der Politik endlich auf 50% fallen, brauchen die Parteien eine eigene Personalentwicklung, welche die Besten für ein Mandat oder eine politische Führungsaufgabe unabhängig vom Geschlecht nach mandats- und aufgabenbezogenen Kriterien identifiziert, aufbaut und wählt. Dann wird auch der Quereinstieg in der Politik möglich.

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